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In den 1960er-Jahren erlangte eine Variante des Schießens an Bedeutung, welche im deutschsprachigen Raum als Deutschießen und instinktives Schießen sogar in waffenrechtliche Texte Einzug fand. International ist diese Art des Schießens auch als Point Shooting, Target Focused Shooting oder Reflexive Shooting bekannt geworden.


Die Idee des Deutschießens basiert auf der Annahme, der Schütze könne im Feuergefecht einen Zeitvorteil realisieren indem er bewusst auf die Verwendung seiner Visiereinrichtung verzichtet und sich ganz auf körpereigene Reaktionen verlässt. Die Schusswaffe wird lediglich in die Richtung des Ziels gedeutet, was dieser Art des Schießens auch den Name Deutschießen einbrachte. Deutschießen wurde und wird teilweise immer noch als Allheilmittel verstanden, wonach ein Maximum an Trainingserfolg mit einem Minimum an Trainingsaufwand herbeigeführt werden könne. Quasi Trefferergebnisse sich wie von Geisterhand verbessern könnten. Vergessen wird dabei, dass Schießen zwar keine komplexe Wissenschaft ist, aber dennoch auf einige techniklastige und koordinative Bewegungsabläufe baut. Wie beispielsweise das Abkrümmen bzw. die Abzugskontrolle.

Anspruch und Realität
So alt der Denkansatz zum Deutschießen auch ist, er wird bis heute kontrovers diskutiert. Diese Kontroverse begründet sich vor allem in der Auffassung, lediglich gedeutete also ungezielte Schüsse auf ein Ziel abzugeben. Und in der Tat wohnen der Technik des Deutschießens einige Kritikpunkte inne:

1.) Schießausbilder sind in der Regel Schützen mit sehr viel Erfahrung und einer hohen Schusszahl im Training. Für sie spielt die zeitliche Ressource nicht eine derart entscheidende Rolle wie für die Auszubildenden. Aufgrund des hohen Übungsniveaus und ihrer ausgeprägten Schießfertigkeiten treffen sie im Training ihre Ziele schneller und präziser. Diesen Umstand machen sich insbesondere Ausbilder beim Deutschießen zu Nutze, um den Lehrgangsteilnehmern die vermeintliche Vorteilhaftigkeit ihrer Schießtechnik zu beweisen.

2.) Beim Deutschießen wird meist auf Silhouettenscheiben geschossen, die von der Größe und den Umrissen her einem menschlichen Körper entsprechen. Die Schützen stehen im Training fast immer frontal und in kurzer Entfernung zu diesen Scheiben. Der Ausbilder erkennt nahezu jeden Schuss, der diese riesigen Scheiben trifft, als Treffer an. Auf präzise Schüsse wird selbst in Nahdistanz kein Wert gelegt.

3.) Eine Umsetzung von Grundfertigkeiten des Schießens erfolgt ebenfalls nicht. Lehrgangsteilnehmern im Deutschießen wird aller meistens nicht einmal vermittelt, dass es Grundfertigkeiten gibt. Insbesondere auf die Entwicklung einer guten Abzugskontrolle hat diese Ausbildungsmethodik fatale Auswirkungen. Die Teilnehmer eignen sich falsche Bewegungsabläufe beim Abkrümmen an und vertiefen diese Fehler durch immer weiter fortgesetztes falsches Üben. Von allen Grundfertigkeiten im Schießen ist Abzugskontrolle die, welche den größten Einfluss auf präzise Treffer hat. Die meisten Fehlschüsse gehen auf das Konto einer schlechten Abzugskontrolle.

4.) Um die Deuteigenschaften während der ungezielten Schussabgabe zu verbessern, raten Ausbilder dazu, den Abzug nicht mit dem Zeigefinger zu betätigen, sondern mit dem Mittelfinger der Schusshand. Der Zeigefinger solle während des Schießens am Schlitten anliegen und auf das Ziel deuten. Die Waffe wird nur mit zwei Fingern und dem Daumen gehalten. Ein sicheres Treffen bis 10m wäre so möglich.

5.) Der größte Irrglaube beim Deutschießen besteht allerdings darin, die Schüsse durch visuelle Trefferauswertung ins Ziel lenken zu wollen. Das heißt der Schütze fokussiert sein Ziel an und justiert seine Waffe von Schuss zu Schuss immer etwas mehr in den Bereich, den er letztlich zu treffen beabsichtigt. Bemerkenswert ist dabei, dass selbst beim Übungsschießen zu Beginn der Trainingssitzung die ersten abgegebenen Schüsse ihr Ziel kaum treffen. Erst wenn der Schütze nach kurzer Übungszeit sein Muskelgedächtnis entwickelt bzw. wieder gefunden hat und er seine Körperposition exakt zum Ziel ausrichten konnte, werden die Trefferergebnisse besser.

In der Praxis des taktikorientierten Schusswaffengebrauchs stößt dieser rein theoretische Denkansatz daher schnell an seine Grenzen. Kein Gebrauchswaffenträger, egal ob Soldat, Polizist oder freiberuflicher Personenschützer kann sich bei Beginn einer bewaffneten Konfrontation eine Phase des ?Warmschießens? leisten. Vielmehr sollte er eine Schießtechnik verinnerlicht haben, die ihm in der Ultima Ratio Situation einer bewaffneten Auseinandersetzung ein Höchstmaß an Sicherheit und Effizienz bietet und eine Umfeldgefährdung aufgrund von Fehlschüssen auf ein Minimum reduziert. Diese Schießtechnik kann nur der gezielte Schuss mit dem Fokussieren über das Korn der Waffe sein. Jede ungezielte Schussabgabe birgt ein nicht kalkulierbares Risiko in Bezug auf die Gefährdung Unbeteiligter.



Schussabgabe als Kreislauf
Entgegen der Meinung des Deutschießens sollte die Schussabgabe als Kreislauf verstanden werden. Dieser Kreislauf beginnt mit dem Zielvorgang und endet auch wieder mit dem Zielvorgang. Dazwischen liegen die Elemente Druckpunkt, Abkrümmen, Schuss, Rückstoßverarbeitung und das Nachzielen. Eine Schussabgabe ist erst dann beendet, wenn der Finger wieder am Druckpunkt liegt und die Visierung ? in diesem Fall das Korn ? wieder auf dem Ziel. Der Gebrauchswaffenträger ist somit auf einen eventuellen Folgeschuss vorbereitet, sollte die Lage diesen erforderlich machen. Der Kreislauf der Schussabgabe lässt sich nur durch konsequentes Üben beschleunigen. Nicht etwa durch Herauslassen bestimmter Elemente, wie es die Technik des Deutschießens versucht zu vermitteln.

Die historische Entwicklung des Deutschießens brachte kuriose und teils skurrile Tendenzen hervor. Verschiedene Körperhaltungen und Waffenhaltungen wurden kreiert und fanden auch Einzug in Lehrbücher. Das US-amerikanische FBI entwickelte seine eigenen Hüftschusstechniken. Andere Ausbilder griffen mexikanische Hüftschusstechniken auf. Der so genannte Combat Crouch wird sogar noch dieser Tage bei verschiedenen Ausbildungseinrichtungen gelehrt. Hierbei geht der Schütze zur Schussabgabe in die Hocke, während er gleichzeitig seine Waffe anhebt, ohne dabei jedoch seine Visierung zum Zielen zu nutzen.



Deutschießen heute
Aus vorgenannten Gründen gibt es international nur noch wenige Schulen, die Deutschießen ausbilden. Meistens verkaufen diese ihren Kursteilnehmern eine Mischung aus verschiedenen Techniken und versprechen dabei, mit einem Minimalaufwand an Training ein Maximum an Trainingserfolg erreichen zu können. Auch eine Pflege der erworbenen Fähigkeiten durch regelmäßiges Training mit der Schusswaffe würde dann überflüssig. Alles geschehe ausschließlich durch das Nutzen von körpereigenen Abwehrreaktionen in Stresssituationen. Die Marketingstrategie solcher Schießschulen folgt dem Grundsatz, sich ein Alleinstellungsmerkmal zu geben, indem man behauptet, man würde den Teilnehmern das Schießen schneller und mit weit weniger Aufwand beibringen als die Konkurrenz, weil man Grundmuster des menschlichen Verhaltens in Gefahrensituationen nutze. Gern wird hier genannt, dass sich jeder Mensch in einer Gefahrenlage automatisch zur Gefahr hin ausrichte, die Arme hochreißt und sich wegduckt.

Bei derartigen Versprechungen sollte der Endanwender eine gesunde Skepsis an den Tag legen und keinesfalls die Lehrmeinung unreflektiert übernehmen. Besonders dann nicht, wenn Combat Crouch und Hüftschusstechniken das Kursprogramm abrunden. Diese Schnellbesohlung im kampfmäßigen Schießen suggeriert dem Kursteilnehmer lediglich über Schießfertigkeiten zu verfügen, die er in Wahrheit gar nicht besitzen kann, weil ihm sowohl das technisch richtige Fundament fehlt als auch die regelmäßige Übung. Einmal trainieren und nie wieder üben müssen ist der Wunschtraum vieler Sportler. Er funktioniert beim Schießen aber genau so wenig, wie bei anderen techniklastigen Sportarten, wie beispielsweise der Leichtathletik.



Fazit
Deutschießen war in der Geschichte der Schießausbildung ein Irrweg. Der Schütze verliert an Flexibilität, da instinktives Schießen nur unter sehr engen Rahmenbedingungen erfolgreich angewandt werden könnte. Überschreitet die Entfernung zum Gegner zwei Armlängen oder steht das Ziel in einem anderen Winkel als es im Training geübt wurde, verliert die Deutschusstechnik außerordentlich stark an Effizienz und an praxisgerechter Anwendbarkeit.
Darüber hinaus erfolgt die Schussabgabe im schlimmsten Fall ohne vorherige Beurteilung der Lage, was wiederum juristische Konsequenzen haben kann. Eine Frage, die selbst Befürworter des Deutschießens nicht beantworten können ist: Weshalb haben Waffen eine Visierung, wenn instinktives Schießen funktionieren würde?